Rezension von: Sebastian Luft, Philosophie lehren. Ein Buch zur philosophischen Hochschuldidaktik

Infolge des sogenannten „Qualitätspakts Lehre“, im Rahmen dessen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung den deutschen Hochschulen von 2011 bis 2020 Mittel im Umfang von zwei Milliarden Euro zur Verfügung gestellt wurde, hat das Interesse an Hochschuldidaktik in jüngster Zeit stark zugenommen.[1] Eine Folge ist, dass Lehre nicht mehr nur neben der Forschung praktiziert, sondern zunehmend auch wissenschaftlich und methodologisch reflektiert wird. Lehre gilt nicht mehr so sehr als ein Epiphänomen der Forschung oder gar als ein notwendiges Übel, welches von der Forschung nur abhält. Vielmehr wird die Lehre immer mehr zum Gegenstand wissenschaftlicher Überlegungen als eine Form akademischer Praxis eigenen Rechts. Gelungene Hochschullehre, so die neue Einsicht, ist nichts Willkürliches und Subjektives, sondern gehorcht gewissen Gesetzen und Standards, wie es die Forschung tut. Im Zuge dieser Verwissenschaftlichung der Lehre ist ein Trend auszumachen, den man die „Interdisziplinarisierung der Lehre“ nennen könnte. Denn nicht für alle Fächer sind alle Lehrmethoden und didaktische Zugriffe gleichermaßen geeignet; vielmehr gilt es, den spezifischen Herausforderungen der jeweiligen Disziplinen und ihren spezifischen Gegenständen didaktisch gerecht zu werden.[2] Im Zuge dieser Interdisziplinarisierung der Lehre rückt auch die Frage nach der Didaktik der Philosophie verstärkt ins Zentrum. Das Fach Philosophie spielt insofern didaktisch eine besondere Rolle, als bereits sein eigentlicher Gegenstand alles andere als eindeutig und unstrittig ist. Eine weitere Besonderheit der Philosophie besteht darin, dass in ihr didaktische Form und doktrinärer Inhalt eine enge Beziehung eingehen, die – wie im Falle der Dialektik des platonischen Sokrates – in ihrer Extremform sogar zusammenfallen können. Das im Folgenden besprochene Buch ist diesem neuen Trend eines verstärkten Interesses an der wissenschaftlichen Didaktik der Philosophie zuzurechnen.

Sebastian Luft, Professor für Philosophie an der Marquette Universität in Milwaukee, widmet sich der Frage, wie Philosophie speziell an Hochschulen gelehrt werden sollte, und grenzt sich damit von bereits bestehenden Studien ab, die dezidiert der schulischen Fachdidaktik gewidmet sind: „Sofern es eine fachspezifische Didaktik für Schulen gibt, sollte es auch eine spezifisch philosophische Hochschuldidaktik geben.“ (44) Luft konstatiert zutreffend, „dass vor allem im deutschsprachigen Raum die philosophische Hochschuldidaktik bisher fast fehlt oder zu kurz kommt“ (50). Ein solcher, reine auf die hochschuldidaktischen Dimensionen der Philosophie gerichteter Zugriff ist insofern bislang immer noch eine Seltenheit – Luft weist zurecht darauf hin, dass sich sein Buch damit „in ein neues Territorium vorwagt“ (17) –, auch wenn er eingangs betont, dass seine Studie „nicht primär als ein fachwissenschaftlicher Beitrag zur Fachdidaktik gedacht [ist], sondern als ein Bericht, der die vielfachen Erfahrungen schildert“ (7), der mit „konkrete[n] Ratschläge[n]“ (18) aufwartet. Er versteht seine Darlegungen als „wohlmeinende Vorschläge, wie man es machen kann und probieren mag, mehr nicht, aber auch nicht weniger“ (12), so dass das Buch „in der Mitte zwischen einem persönlichen Ratgeber und einer wissenschaftlichen Abhandlung“ (19) verortet werden kann. Eine weitere Besonderheit von Lufts Studie – und wohl ihre größte Stärke – besteht darin, dass er sich der philosophischen Hochschuldidaktik aus einer dezidiert internationalen Perspektive annähert, indem er die Situation in Deutschland und den USA miteinander vergleicht und Didaktik zugleich aus der Doppelperspektive von kontinentaler und analytischer Philosophie beleuchtet.

Lufts genereller Zugang zur philosophischen Hochschuldidaktik stammt „aus der erlebten Praxis“ (13). Es ist eng an die Perspektive des Lehrenden gebunden, dessen „Einfühlungsvermögen“ (12), spezifische „Tugenden“ und „Gemütsverfassungen“ wie „Freude“, „Bescheidenheit“ und „Verantwortung“, aber auch „Strenge“, „Integrität“, „Eigentlichkeit“ und „Professionalität“ (32 ff.) ins Zentrum rücken. So erhellend dieser subjekt- und tugendorientierte, mitunter auch psychologische Zugang auch für die Praxis sein kann, er steht doch der Notwendigkeit einer Verwissenschaftlichung der philosophischen Lehre entgegen. Luft hält denn auch die Idee, „allgemeine pädagogische Prinzipien zu formulieren“ für „unmöglich“ (88). Wenn, wie Wilhelm von Humboldt fordert, Forschung und Lehre eine Einheit eingehen sollen, dann müssen aber gerade auch in der Philosophie Einsichten für die Lehre aus der Forschung, und Einsichten für die Forschung aus der Lehre gewonnen werden können.

Die Frage, was genuin philosophische Hochschuldidaktik ist und sein soll, hängt freilich von der Frage ab, was eigentlich Philosophie ist und sein soll. Luft bestimmt diese als „Streit auf höchstem Niveau“ (87) und als „Reflexionsdisziplin“ (83). Dies ist eine formale Bestimmung der Philosophie, die aus guten Gründen von bestimmten inhaltlichen Festlegungen abstrahiert. In dieser formalen Bestimmung liegt aber gerade eine systematische Nähe zur philosophischen Lehre, die in der Praxis nicht selten die Form des Streites und gemeinsamer Reflexion annehmen kann. Gerade deswegen aber besteht zwischen Forschung und Lehre in der Philosophie kein qualitativer Unterschied, den Luft implizit vorauszusetzen scheint. Denn das Befragen und Fragen kann gleichermaßen in der Forschung wie auch in der Lehre stattfinden. Mehr noch: durch ihre performative und öffentliche Dimension kann die philosophische Lehre noch authentischer als die philosophische Forschung sein.

Hervorzuheben ist an Lufts Buch, dass es sich auch neueren didaktischen Entwicklungen, wie etwa dem „Online [L]ehren“ zuwendet (99). Denn virtuelle Formen der Didaktik rücken mit zunehmender technischer Entwicklung immer mehr ins Zentrum der Hochschulen. Luft betont, dass er kein „digital native“, sondern ein „digital immigrant“ sei (99). Diese Haltung wird darin deutlich, dass Luft der Ansicht ist, dass bei der virtuellen Lehre „das Gespräch von Mensch zu Mensch, Auge in Auge“ wegfalle (100). Der Rezensent, der sich zu den „digital natives“ zählt, sieht die Sache wesentlich optimistischer: Es ist an der Zeit, neue virtuelle Räume für die Philosophie und ihre Lehre zu eröffnen, und neuere Programme erlauben es immer besser, philosophische Lehre virtuell – selbst „Auge in Auge“ – zu realisieren. Verstärkt wird dieser digitale Trend in der Lehre gegenwärtig durch die Corona-Krise, die geradezu als ein Katalysator für die digitale, virtuelle Lehre gelten darf. Wie in keinem anderen Fach sind Lehre und Forschung so eng miteinander verwandt wie im Fach Philosophie. Es kommt deswegen der Philosophie die Aufgabe zu, die neue Wissenschaftlichkeit der Lehre zu begründen. Eine so verstandene Didaktik der Philosophie, die Lehre aus der Forschung und Forschung aus der Lehre entwickelt, muss freilich erst noch geschrieben – und praktiziert – werden.


[1] www.qualitaetspakt-lehre.de.

[2] Vgl. zu dieser neueren Tendenz Jörg Noller u.a. (Hrsg.): Methoden in der Hochschullehre. Interdisziplinäre Perspektiven aus der Praxis. Wiesbaden 2019, V f.

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