Youtube in der Hochschullehre

1 Was ist und was vermag virtuelle Lehre?

Immer wieder wird der Ruf nach alternativen, virtuellen Formen der universitären Lehre laut. Doch ist bereits der Begriff der Virtualität notorisch unklar. Bevor überhaupt die Frage nach den Möglichkeiten virtueller Lehre gestellt werden kann, muss deshalb zuerst untersucht werden, was eigentlich Virtualität bedeutet.

Im Alltag begegnet uns häufig der Begriff der „virtuellen Realität“. Damit sind besonders komplexe Simulationen gemeint, die bei uns durch Immersion in eine Situation – die Illusion erzeugen, selbst in eine bestimmte, nicht eigentlich existierende Welt einbezogen zu sein. Der Begriff der virtuellen Realität ist jedoch in didaktischer Hinsicht irreführend. Denn unter virtueller Lehre verstehen wir gerade nicht eine bloße Simulation der traditionellen analogen und physisch präsenten Lehre. Vielmehr bedeutet virtuelle Lehre so viel wie eine andere Realisierungsweise der traditionellen Lehre, also die Eröffnung neuer realer Perspektiven, die durch Vergleichbarkeit der Maßstäbe eine Objektivität und Verbindlichkeit besitzt.

Wir werden durch virtuelle Lehre unabhängig von raum-zeitlichen Begrenzungen, wie sie für die traditionelle analoge Lehre charakteristisch ist. Diese virtuellen Formen der Lehre verdanken sich den neueren Entwicklungen der Digitalisierung. Wie aber können diese neuen realen Perspektiven der Lehre virtuell eröffnet werden? Der folgende Beitrag widmet sich dieser Frage am Beispiel des Fachs Philosophie. Die Philosophie darf gerade auch mit Blick auf die virtuelle Lehre als ein Sonderfall gelten. Nicht nur sind ihr Gegenstand und ihre Methode immer schon einer kritischen Reflexion ausgesetzt.[1] Mehr noch: Die Philosophie lässt sich selbst als eine Form von Virtualität verstehen, insofern sie durch ihre immanente Reflexivität das Bestehende auf alternative Möglichkeiten der Realisierung hin befragt, nie ruht, sondern ständig in Bewegung ist – einer Bewegung des Diskurses. Diese Charakterisierung mag auf den ersten Blick recht abstrakt und unkonkret erscheinen. Wir werden uns deshalb im Folgenden einem besonders geeigneten Beispiel der virtuellen Lehre widmen, und zwar der Entwicklung eines philosophischen YouTube-Kanals, der von den Autoren dieses Beitrags entwickelt wurde.

Wie aber können Studierende durch das Rezipieren von Videos aktiviert werden? Ist dies nicht ein Widerspruch? Wir werden im Folgenden dafür argumentieren, dass nicht die Art des Mediums für den Lernerfolg entscheidend ist, sondern sein Einsatz. Dabei werden wir sowohl technische wie auch inhaltliche Aspekte dieser Form digitaler virtueller Lehre thematisieren. Der folgende Beitrag kann insofern auch als eine Anleitung und Anregung für die Konzeption und Realisierung ähnlicher Kanäle gelesen werden.

 

2 Das Phänomen YouTube

Das im Jahr 2005 gegründete Videoportal YouTube ist mehr als nur eine Medienplattform. Es ist zum Inbegriff einer digitalen Kultur geworden. Der Schweizer Kulturwissenschaftler Felix Stalder hat für diese Art von digitaler Kultur den Begriff der „Digitalität“ in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht. In Anknüpfung an den Begriff der „Gutenberg-Galaxis“, den der kanadische Kulturwissenschaftler Marshall McLuhan in seinem gleichnamigen Buch 1962 geprägt hat, um den Paradigmenwechsel von der mündlichen zur schriftlichen Kommunikationsform zu bezeichnen, spricht Stalder davon, dass wir seit dem Jahr 2000 „eine neue kulturelle Konstellation“[2] vorfinden, welche durch die Bedingungen der Digitalisierung konstituiert ist. Indem die Digitalisierung virtuelle Realität ermöglicht und so Teil unserer Lebenswelt wird, betreten wir den Raum der „Digitalität“. Was ist der Unterschied zwischen Digitalität und Digitalisierung? Während die Digitalisierung das technische Phänomen der Umwandlung analoger in digitale Information betrifft, bezieht sich die Digitalität auf die lebensweltliche Bedeutung der Digitalisierung, und das heißt vor allem: auf virtuelle Realität. Die lebensweltliche Bedeutung der Digitalisierung liegt auf der Hand: Wir können digitale Daten unabhängig von Raum und Zeit konservieren und hypertextuell vernetzen. Diese Hypertextualität wiederum lässt sich auch didaktisch fruchtbar machen.[3]

Dass YouTube mehr ist als eine bloße technische Medienplattform, sondern vielmehr eine eigene Form von digitaler Kultur im Sinne der Digitalität darstellt, zeigt bereits das Motto „Broadcast Yourself“, welches sehr gut die Besonderheit von YouTube auf den Punkt bringt: die Individualisierung und Personalisierung von Medien, ihre zügige Verbreitung und Vernetzung sowie ihre Spezialisierung. YouTube erlaubt es seinen Nutzerinnen und Nutzern, selbst erstellte Videos ohne große technische Vorkenntnisse in kürzester Zeit in sein Netzwerk einzuspeisen. Damit kann YouTube mit gewissem Recht als die Zukunft des Fernsehens angesehen werden, da hier die Nutzerinnen und Nutzer nicht mehr nur eine passive Konsumentenrolle einnehmen, sondern selbst zur Produzentenrolle angeregt werden. Mehr noch: Die Grenzen von Rezeption und Produktion verschwimmen in YouTube, da die Hürden für die Veröffentlichung eigener Medien äußerst gering sind und die Bewertung und Kommentierung veröffentlichter Medien mit zur Kultur der Plattform gehören. Man kann daher mit gewissem Recht auch von einer neuen Form des Fernsehens sprechen, das aus einer Synthese mit dem Internet hervorgegangen ist.

Felix Stalder hat davon gesprochen, dass die „enorme Vervielfältigung der kulturellen Möglichkeiten“[4] ein Ausdruck von Digitalität sei. Diese Vervielfältigung zeigt sich an neueren Statistiken von YouTube, die dessen schiere Größe in vielerlei Hinsicht eindrucksvoll ist.[5] Mittlerweile hat die Plattform mehr als zwei Milliarden Nutzer, was fast einem Drittel aller weltweiten Internetznutzer entspricht. Die tägliche Wiedergabezeit von Videos auf YouTube beträgt in der Summe eine Milliarde Stunden, bei mehreren Milliarden Aufrufen. Besonders auf mobilen Endgeräten wird YouTube intensiv genutzt, was 70 Prozent der gesamten Wiedergabezeit entspricht. Ferner existiert YouTube weltweit in 80 Sprachen und wird in über 90 Ländern spezifisch angepasst übertragen. Ein besonderer Vorteil von YouTube – damit aber auch eine mögliche Problematik – besteht darin, dass es eine Tochtergesellschaft von Google ist. Damit ist YouTube an die größte Suchmaschine des Internets direkt angebunden, zugleich aber auch davon abhängig.

Diese extremen Ausmaße der Medialität in puncto Verbreitung, Verfügbarkeit und Nutzung haben zu verschiedenen kulturellen Entwicklungen von YouTube geführt. Zu nennen sind hier in erster Linie hochspezialisierte Kanäle, die zumeist von Individuen geleitet und inhaltlich kreativ ausgerichtet werden. Die Güte dieser Kanäle bemisst sich in erster Linie an der Zahl der Abonnenten sowie an der Anzahl der aufgerufenen Videos. Nicht selten sind die Kanäle – entsprechende Abonnentenzahlen vorausgesetzt – auch eine nicht zu unterschätzende finanzielle Einnahmequelle. Einzelne YouTuber sind regelrechte Stars der Szene und übertreffen an Bekanntheit TV-Stars bei weitem in ihren jeweiligen Zielgruppen.

Die angeführten Statistiken belegen eindrucksvoll das Potential, welches YouTube aufgrund seiner großen Verbreitung und intuitiven Handhabung besitzt. Es trägt wesentlich zur Ausdifferenzierung, Ordnung und Personalisierung des Internets bei und eröffnet damit einen virtuellen Raum der inhaltlichen Auseinandersetzung. Wie aber lässt sich dieser virtuelle Raum didaktisch – und speziell philosophisch – nutzen?

 

3  „PhiloCast“ – der philosophische YouTube-Kanal

Es ist auffällig, dass die Größe – d.h. Abonnenten- sowie Aufrufzahl – von YouTube-Kanälen, die dem Thema „Bildung“ gewidmet sind, vergleichsweise gering ausfallen. Während die größten YouTube-Kanäle mehrere Millionen Abonnenten besitzen, so übersteigt die Abonnentenzahl von Bildungskanälen selten die Zahl 10000.[6] Noch deutlicher wird dies am Beispiel von Bildungsinstitutionen wie Universitäten. Der offizielle YouTube-Kanal der Goethe Universität Frankfurt besitzt nur knapp 2000 Abonnenten, die Ludwig-Maximilians-Universität München nur etwas mehr als 4000 Abonnenten, derjenige der Universität zu Köln mit ca. 5500 nur unwesentlich mehr (Stand: April 2020). Daraus lässt sich schließen, dass gerade die Hochschullehre die Bedeutung von YouTube noch nicht genügend erkannt hat.

Der philosophische YouTube-Kanal „PhiloCast“[7] hat sich zum Ziel gesetzt, ein dezidiert studentisches Publikum anzusprechen; in erster Linie Studierende der ersten vier bis sechs Semester, bis zum Abschluss ihres BA-Studiums. Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung durch das Programm „Lehre@LMU“ sowie das „Multiplikatoren-Projekt“ der LMU München im Zeitraum von 2017-2020, besitzt er momentan über 2000 Abonnenten, mit steigender Tendenz[8] – und damit mehr als der Kanal der Goethe-Universität Frankfurt. Der Erfolg von „PhiloCast“ beruht auf einer Vielzahl an Formaten, die in regelmäßigen Abständen und zu aktuellen Themen und angebunden an traditionelle Lehrveranstaltungen ausgestrahlt werden:

(1) Tagungs-, Seminar- und Vorlesungsaufzeichnungen: YouTube eignet sich hervorragend zur Dokumentation, Archivierung und Nachbereitung von Konferenzen, Seminaren und Vorlesungen, sei es audiovisuell oder nur akustisch. Hierbei ist zu beachten, dass der Datenschutz gewahrt bleibt und Studierende nicht ohne ihr Einverständnis akustisch oder visuell mit aufgezeichnet werden.[9] Durch die Kommentierungsfunktion lassen sich im Nachgang Verständnisfragen bei der erneuten Rezeption formulieren, diskutieren und beantworten. Ein Nachteil solcher Aufzeichnungen liegt in ihrer Länge und häufig fehlenden Strukturiertheit. Deswegen empfiehlt es sich, diese so vor- oder nachzubereiten, dass sich die Zuschauer mittels Folien orientieren oder mittels Zeitmarken an den gewünschten Abschnitt bewegen können.

(2) Live-Streams von Seminaren oder Vorlesungen: YouTube bietet größeren Kanälen ab 1000 Abonnenten die Möglichkeit, Sendungen in Echtzeit auszustrahlen. Dadurch können Seminare und Vorlesungen zusätzlich dynamisiert werden. Studierende können während der Ausstrahlung die Inhalte kommentieren, während Dozierende diese Kommentare noch in der Sendung aufnehmen und beantworten können. Eine gelungene Echtzeitübertragung hängt wesentlich von der Qualität und Latenz der Sendung ab. Deshalb ist hier sicherzustellen, dass alle potentiellen Zuschauer der Sendung gut folgen können.

(3) Interviews: Dieses Format bietet die Möglichkeit, bekannte Philosophinnen und Philosophen am Rande von Tagungen für kurze Gespräche zu gewinnen und unkonventionell zu gestalten. Besonders attraktiv ist dieses Format durch die Möglichkeit, dass jüngere Studierende hier erste Erfahrungen mit Interviews erfahrener Lehrender sammeln können. Die Herausforderung von Interviews besteht in der gelungenen Mischung von Konzeption und thematischer Freiheit: Weder sollte das Gespräch zu sehr schematisch verlaufen, noch sollte es zu sehr vom eigentlichen Thema abschweifen. Doch sollte es immer Raum für Überraschungen geben.

(4) Themensendungen: Auf Wunsch der Studierenden können kürzere Interviews oder Beiträge erstellt werden, die einen spezifischen Fokus auf ein philosophisches Problem legen. Diese Sendungen können dann insbesondere begleitend zu Lehrveranstaltungen eingesetzt werden. Hier gilt dieselbe Herausforderung wie im Falle von Interviews, nur in noch verschärfter Form: Themensendungen sollten einen klaren Fokus aufweisen, doch sollten sie zugleich einen Freiraum bei der Betrachtung des Gegenstandes eröffnen, wie es eine philosophische Analyse erfordert.

(5) Podcasts: Der Unterschied zu reinen Themensendungen besteht in der größeren Einheitlichkeit des Formats und seiner Regelmäßigkeit. In der Regel sollten Podcasts kompakter als diese ausfallen. Durch die stärkere Konzentration empfiehlt sich das reine Audio-Format, damit die Rezipienten nicht durch visuelle Effekte abgelenkt werden und die Sendung auch mobil rezipieren zu können.

(6) „Studentische Stimmen“: Dieses Format bietet Studierenden die Möglichkeit, im Rahmen von Seminaren eigene Themensendungen zu produzieren und auszustrahlen. Dies kann im Rahmen von Interviews oder frei gewählten Dialogen geschehen. Bei Bedarf kann der Dozierende als Diskussionspartner mit hinzugezogen werden. Dieses Format ist mit den meisten Risiken behaftet, da hier zumeist Studienanfänger involviert sind. Doch sollte die damit verbundene begriffliche Unsicherheit immer schon reflektiert und als Chance der Diskussion in das Selbstverständnis des Formats integriert werden, um den explorativen Charakter eines philosophischen Gesprächs zu betonen.

Abb. 1 „PhiloCast“-Hauptseite (www.youtube.com/c/philocast) (Stand: April 2020)

„PhiloCast“ setzt konsequent auf das Prinzip der Medienvernetzung und der Erzeugung einer einheitlichen virtuellen Lernumgebung. Dazu gehört die Anbindung an andere Medien wie Blogs[10] und Apps. Die „PhiloCast“-App[11] bietet ihren Nutzern die Möglichkeit, YouTube-Sendungen sowie begleitende Beiträge mobil zu rezipieren:

Abb. 2 Menü der „PhiloCast“-App (Quelle: eigene Darstellung)

Abb. 3 Themensendung zum mobilen Abruf (Quelle: eigene Darstellung) Abb. 4 Menü der App (Quelle: eigene Darstellung)

 

4 Technik, Didaktik und Dramaturgie in YouTube

Durch die hochgradige Individualisierung, die YouTube seinen Benutzern ermöglicht, findet man sich sehr bald nicht nur in der Funktion eines Produzenten, sondern auch in der Rolle eines Dramaturgen. Denn die große Vielzahl an Analysemöglichkeiten der eigenen Inhalte, die von täglicher Aufrufzahl über Geschlecht und Durchschnittsalter der Zuschauer bis hin zu Zugriffsquellen und -regionen reichen, erlauben es, Inhalte an seine Zielgruppe maßzuschneidern. Nicht ohne Grund heißt das Analyse-Menü auch „YouTube Studio“. Seine hochgradige Individualisierung und Flexibilisierung verleiht YouTube den Status eines Meta-Mediums: Es ist nicht nur eine Form von Medialität, sondern es stellt zugleich die Reflexion auf seine Medialität dar. Von Bedeutung ist hierfür nicht zuletzt auch die Individualisierung des Kanal-Designs.

Eine besondere Herausforderung besteht im Falle von YouTube darin, dass die Rezeptionsdauer eines Videos sehr schnell abnimmt, wie folgende Statistik zeigt:

 

Abb. 5 Rezeptionsdauer eines durchschnittlichen YouTube-Nutzers (Quelle: Tubemogul)

 

Es ist deswegen von großer Bedeutung, die Zuschauer möglichst lange an das Video zu binden. Folgende Abbildung zeigt die Zuschauerbindung eines knapp siebenminütigen Interviews über die Philosophie Friedrich Nietzsches[12], die mit knapp 50 Prozent relativ hoch ist:

Abb. 6 Zuschauerbindung eines ausgewählten Interviews (Quelle: YouTube/„PhiloCast“)

 

Um die Zuschauerbindung aufrecht zu erhalten, sind folgende Punkte besonders zu beachten:

(1) Die technische Durchführung: Das Video sollte eine angemessene Qualität für seine speziellen Zwecke besitzen. Dies bedeutet konkret, dass die Qualität umso besser sein sollte, je kürzer die Sendung dauert. Insbesondere Interviews mit prominenten Gästen sollten mit Hilfe mehrerer Kameras aufgezeichnet werden, so dass die Möglichkeit eines Perspektivenwechsels besteht. In diesem Fall empfiehlt sich die Nutzung einer hochauflösenden spiegellosen System-Digitalkamera (DSLM Digital Single Lens Mirrorless). Zu achten ist in jedem Fall auf eine gute Tonqualität, die fast noch von größerer Bedeutung für das Verständnis der jeweiligen Sendungen ist als die Videoqualität. Hierfür empfiehlt es sich, ein separates hochwertiges Mikrofon zu verwenden und die Tonspur in der Nachbereitung unter die Videospur zu legen. Für längere Videos, z.B. im Falle von Aufzeichnungen von Seminaren oder Vorlesungen, ist eine geringere Videoqualität ausreichend. Nicht nur reduziert sich dadurch die Datengröße des Filmmaterials. Vielmehr wird dadurch die Situation einer Vorlesung – die im Wesentlichen in der Rezeption besteht – adäquat virtuell abgebildet. Hierfür ist eine einzige Kamera völlig ausreichend, wie sie etwa ein Camcorder darstellt.

Es empfiehlt sich, ein mobiles und flexibles Studio einzurichten, welches bei Bedarf (z.B. bei spontanen Interviews im Rahmen einer Tagung) aufgebaut werden kann. Zur Grundausstattung gehören mindestens eine digitale Systemkamera, zwei Camcorder, Stative, Speichermedien in ausreichender Größe und Geschwindigkeit sowie Mikrofone. Optional kann das Studio mit Hilfe eines green screen sowie zusätzlicher Beleuchtungstechnik ausgestattet werden. Zu betonen ist hier, dass es sich dabei immer um Formen der Improvisation handelt. Dies macht aber gerade auch den Reiz eines philosophischen Studios aus.

Abb. 7 Improvisiertes Studio für ein Interview (Quelle: YouTube/„PhiloCast“)

 

(2) Das Profil: Aufgrund der hochgradigen Individualisierung von YouTube empfiehlt es sich, dem Kanal ein eindeutiges, unverwechselbares Profil zu verleihen. Dies geschieht in erster Linie durch die Wahl eines geeigneten Namens, eines Logos und ggf. auch eines Mottos. YouTube bietet darüber hinaus die Möglichkeit, neue Besucher des Kanals mit einem Begrüßungs- bzw. Vorstellungsvideo („Intro“) zu empfangen. Für die angebotenen Videos empfiehlt es sich, eine Einleitungs- und ggf. auch Endsequenz einzublenden, die die Inhalte einrahmen.

Abb. 8 Begrüßungsvideo („Intro“) für neue Besucher (Quelle: YouTube/„PhiloCast“)

 

(3) Die Dramaturgie: Videos sollten didaktisch nicht nur unterhalten, sondern ihre Zuschauer vor allem aktivieren. Hierfür sind das Wecken von Problembewusstsein und die Einbeziehung der Teilnehmer von entscheidender Bedeutung. Die Einbindung bzw. „Immersion“ der Zuschauer in einen virtuellen Diskussionskontext und -diskurs kann dadurch gelingen, dass die Sendungen explizit Fragen aufgreifen, die bereits bestehende Lehrangebote wie Seminarsitzungen, Vorträge oder Tagungen betreffen und fortführen. Hinsichtlich der Dramaturgie der Sendungen gilt es, einen Mittelweg zwischen zu starrer Konzeptionierung und zu freier Reflexion zu wählen. Auch empfiehlt es sich, Sendungen mit explizitem Gegenwartsbezug auszustrahlen, um so die Aktualität der Philosophie zu demonstrieren. Beispiele hierfür wären das Phänomen der Digitalisierung[13] und ihre ethische Problematik[14]. Auch können die Drehorte variiert und dem Thema der jeweiligen Sendung angepasst werden.

Abb. 9 Titelbild einer Sendung über „Dunkle Seiten der Digitalität“ (Quelle: YouTube/„PhiloCast“)

 

(4) Die Interaktion: YouTube bietet gegenüber anderen Plattformen den entscheidenden Vorteil der Interaktion mit den Abonnenten und Zuschauern der jeweiligen Videos. Dies kann vor allem im Kommentarbereich unter den jeweiligen Videos geschehen. Wichtig ist hierbei, dass die Leiter des Kanals möglichst zeitnah auf die Fragen und Kommentare ihrer Abonnenten und Zuschauer eingehen. Eine weitere Möglichkeit der Interaktion besteht in der Erstellung einer Umfrage, die z.B. das Thema der nächsten Sendung zum Gegenstand haben kann.

Abb. 10 Umfrage im Bereich „Community“ des Kanals (Quelle: YouTube/„PhiloCast“)

 

5 Evaluationsergebnisse

Über das YouTube Studio lassen sich die Bewertungen der eigenen Sendungen aktuell und übersichtlich abrufen. Diese Bewertungen erfolgen durch die Zuschauer entweder in Form eines pro- oder contra-Votums, symbolisiert durch einen erhobenen oder gesenkten Daumen. Grundsätzlich sind die Bewertungen von YouTube-Zuschauern fair, und nur in seltenen Fällen ist ihre Kritik – die sich in Form von Kommentaren unter den Videos niederschlagen kann – polemisch oder unsachlich. In jedem Fall empfiehlt es sich als Leiter oder Leiterin eines Kanals, die Kritiken ernst zu nehmen und darauf möglichst zeitnah zu reagieren.

Abb. 11 Statistik der Bewertung einer Sendung im Vergleich zum Kanaldurchschnitt (Quelle: YouTube/„PhiloCast“)

 

6 Fazit und Ausblick

Die Videoplattform YouTube hat sich als ein Meta-Medium erwiesen, welches sich auch für den Einsatz in der Hochschullehre eignet. Aufgrund seiner großen Verbreitung und Nutzerzahl, aber auch seiner intuitiven Bedienung eignet es sich für Lehrende aller Fächer, um eigene Kanäle zu gründen, zu entwickeln und zu pflegen. Ob man sich am Ende für YouTube als Lehr- und Lernplattform entscheidet, hängt freilich von dem eignen Lehr- und Lernverständnis ab. Viele Dozierende an Hochschulen bevorzugen die geschlossene Lernumgebung „Moodle“ und verweisen dabei vor allem auf datenschutzrechtliche Bedenken gegenüber andere, öffentlichen Medien. So sehr diese Bedenken im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben ernst genommen werden müssen, so sehr hat Gegenzug die das Recht auf „Freiheit in Forschung und Lehre“ Gewicht. Diese im Grundgesetz verbürgte Freiheit wird durch die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten des Internets in Zukunft besonderen Ausdruck finden.

[1] Vgl. dazu Noller (2019), S. 296 f.

[2] Stalder (2016), S. 11.

[3] Vgl. Noller (2019), S. 296 ff.

[4] Stalder (2016), S. 10.

[5] Vgl. im Folgenden die YouTube-Presseinhalte, https://www.youtube.com/about/press/ (Stand: 15.4.2020).

[6] Eine Ausnahme bilden hier populärwissenschaftliche Kanäle wie „Terra X Lesch & Co“ mit über 700000 Abonnenten (Stand: April 2020). Zu nennen ist in diesem Zusammenhang aber auch der Kanal von Prof. Dr. Jörn Loviscach mit ca. 80000 Abonnenten (Stand: April 2020).

[7] www.youtube.com/c/philocast.

[8] Prognosen für die künftige Entwicklung des Kanals finden sich unter folgender Adresse: https://socialblade.com/youtube/channel/UCgvrEFJ8UJJAAePjYM1L7_w/futureprojections.

[9] Das Thema „Datenschutz“ ist im Rahmen der digitalen virtuellen Lehre ernst zu nehmen. Doch eine zu strenge Auslegung dieses Prinzips kann gerade für die Entfaltung des virtuellen Potentials hinderlich sein. Deswegen muss die genaue Reglementierung des Datenschutzes immer wieder aufs Neue ausgehandelt und den jeweiligen Entwicklungen angepasst werden. Einer zu starken Reglementierung steht das Prinzip der „Freiheit von Forschung und Lehre“ entgegen, wie er im Grundgesetz in Art. 5 Abs. 3 formuliert ist.

[10] www.philocast.net

[11] Die App kann für Android-Endgeräte hier heruntergeladen werden: https://play.google.com/store/apps/details?id=com.philocast.android; für Apple-Endgeräte findet sich die App hier: https://apps.apple.com/ch/app/philocast/id1244635366 (Stand: April 2020).

[12] https://youtu.be/SzpJjc1KqdE (Stand: April 2020).

[13] https://youtu.be/XEz6jG4PpVA (Stand: April 2020).

[14] https://youtu.be/WTpBbuo2eNQ (Stand: April 2020).

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